„Musikalisches Attentat auf Varoufakis“: Warum ich den Clip „V for Varoufakis“ von ZDF Neo nicht „like“

Wir haben in den letzten Wochen eine beispiellose Medienkampagne gegen die neue griechische Regierung erlebt, die in der entsetzlichen Nein-Selfie-Aktion der Bild-Zeitung gipfelte, in der die griechische Bevölkerung als „gierige“ „Raffkes“ verleumdet wurde. In die rassistische Trickkiste greift aktuell nicht nur die Bild, sondern auch der Clip „V for Varoufakis“ von ZDF Neo, der sich an jüngere, netzaffine Zielgruppen richtet. Das Video ist im Internet unglaublich virulent und es ist tatsächlich derart raffiniert gemacht, dass erst auf den zweiten Blick klar wird, wie subtil es seine rassistischen Botschaften effektiv in Auge und Ohr schraubt.

Während der Clip in Deutschland gut ankommt, wird er in der amerikanischen Newsweek vom 26.2.2015 als „musikalisches Attentat auf den Minister im Stil einer Spotthommage“ beurteilt. Tatsächlich wiederholt der clip auf „krasse“ Art die rassistischen Stereotypen, die Griechen im Allgemeinen und Varoufakis im Besonderen zugeschrieben werden: Varoufakis, so das Video, füge das „Hell“ in „Hellenisch“ ein und feiere Orgien mit menschlichen Babies. Im Video ist er eine Mischung aus rächendem Halb-Gott und Halb-Souvlaki, ein „Griechischer Minister des OMFG“ (Internetjargon für Oh My Fucking God), der mit seinen gnadenlosen Augen und seinem Lachen Engel umbringt. Seine Frau ist mit einem Foto Teil des Videos und erhält das zweifelhafte Kompliment eines „Playmates der 80er“. Alles in allem baut sich das Bild eines gnadenlosen Sexgottes auf, der Vieles verkörpert, aber mit Sicherheit nicht das, was er tatsächlich ist: Ein international renommierter Wirtschaftsexperte. Damit greift das Video das rassistische Bild der „halbstarken“ Protagonisten der griechischen Regierung Tsipras und Varoufakis effektiv auf, die viril und „sexy“ sind, jedoch naturgemäß nichts von Politik verstehen.

Um nicht als rassistisch erkannt zu werden, liegt dem Video ein besonders raffinierter Trick zugrunde, er verteilt die stereotypen Zuschreibungen auf beide Seiten, Deutsche und Griechen, so dass der clip ausgewogen wirkt, eine Satire, in der„alle ihr Fett wegbekommen“. Deshalb werden gleich zu Beginn -vermeintliche- Eigenschaften der Deutschen (als ein imaginiertes Kollektiv) ins Lächerliche gezogen: Ein Volk von Blöden, Inzestkindern (im Saarland), sadistisch geschlagenen blonden Zopfmädchen, hässlichen Menschen, die schlecht Englisch sprechen usw., bevor es mit einer Hasstirade gegen den mit Lederjacke bekleideten, motorradfahrenden eigenwilligen griechischen Politiker loslegt. Doch während eine Kritik an der deutschen Seite -mengenmäßig und inhaltlich- nur angetäuscht wird, Schäuble sebst ist nur während weniger Sekunden zu sehen („He doesn´t even have legs“), bleibt sehr viel Zeit, um die überlegene wirtschaftliche Position Deutschlands in Europa zu betonen und den griechischen „Gegenspieler“ ausgiebig auf das Bild eines babyfressenden Sex-Maniac zu reduzieren.

Wer jetzt einwendet, es handele sich doch nur um Satire, der liegt absolut richtig. Satire muss sein. Aber auch Satire kennt Qualitätsunterschiede und kann sich Kritik gefallen lassen. Es gibt gute und schlechte Witze, Witze über die man herzhaft lacht und Witze, über die man keine Mine verzieht, weil sie „unter der Gürtellinie“ treffen, Juden- oder Türkenwitze beispielsweise. Auch diese Satire ist nur ein mieser Witz, denn er bleibt an der Oberfläche des in ihr verhandelten Konfliktes und sein Spott beruht auf rassistischen Klischees. Damit reiht sich der multimedial aufwändig gestaltete Clip in die Jugendformate von Privatsendern, Realityshows und youtubeclips ein. ZDF neo wählt bewusst ein Format, bei dem die jungen Zuschauer über die „Krassheit“ in Wallung geraten. Gerade deshalb ist der Clip bei der von ihm anvisierten Zielgruppe so erfolgreich. Diese Satire ist „krass“, aber nicht lustig.

Schließlich, auch Satire transportiert Inhalte, nur überzeichnet: In diesem Clip ist es eine Hassbeziehung zwischen Deutschen und Griechen im Kriegszustand, in dem unterlegene Deutschen gleich in der Einleitung mit den Worten: „We surrender“ als Opfer der Griechen kapitulieren. Die Message eines Konfliktes zweier verfeindeter Völker bleibt als spöttischer Ohrwurm beim Ansehen der “krassen” „pics“ und beim Hören der „beats“ bei denen hängen, um die es geht: Jüngere Zuschauer, deren Option auf ein gutes Leben durch die gnadenlose Austeritätspolitik einfach weggekürzt wird und die damit vom eigentlichen Problem abgelenkt werden: Nicht Griechen und Deutsche stehen sich in feindlichen Lagern gegenüber, sondern der Konflikt verläuft zwischen den Menschen in Europa (den jungen Generationen, den Steuerzahlern, den Verarmten) auf der einen Seite und den Verursachern der Krise (Oligarchien, korrupte Politiker, Banken) auf der anderen Seite. Die tauchen im Clip an keiner Stelle auf. Doch genau diesen Konflikt würde eine wirklich gute und zutreffende politische Satire karikieren und darin würden nicht nur Merkel und Schäuble eine tragende Rolle spielen, sondern auch Samaras und seine Klientel. Und darüber könnte man dann herzlich und befreit lachen.

Redaktion 28.02.2015